Das Regime der Verschwörungstheorien

In Anbetracht etlicher verbaler „Ausrutscher“ des mal wieder amtierenden, iranischen Präsidenten Ahmadinedschad, nach denen immer der Westen oder Israel (also der „westliche“ Staat im Nahen Osten) Schuld an jeder kleinen Krise der Diktatur sein soll, erscheint es ja kaum überraschend, dass wieder einmal der Westen die Verantwortung für die Probleme des Landes tragen soll. Der Auslöser an den revolutionären Aufständen im klerikalfaschistischen Iran ist also keineswegs der pseudodemokratische und diktatorische Charakter des Regimes, sondern der böse Westen , v.a. die USA und Großbritannien.

Natürlich, die Schuld bei sich selbst zu suchen erfordert zumeist ein Überdenken der eigenen Position. Dieses Phänomen beschränkt sich nicht nur auf den Iran. Wenn Dogmatismus und Machtsicherung allerdings zu abwegigen Theorien über angeblich wahre Hintergründe wichtiger Geschehnisse führen, dann nennt sich das Verschwörungstheorie.

Den bösen Westen, der Aufruhr und Chaos ins eigene Land bringt, kannte man schon in der DDR. Die Schuld an der Situation in Ostberlin am 17. Juni 1953 konnte man schnell und klar zuweisen: Die BRD hatte angeblich die Arbeiterschaft unterwandert und angestiftet. Ganz neue Dimensionen nimmt die Sache aber im Iran an.

Parallelen zu 1953 kann man tatsächlich aufweisen, vor allem – wie erwähnt – in den Reaktionen der Machthaber. Nach dem Mord an Neda, dessen Aufzeichnung sich übers Internet rasend schnell verbreitete und der zum Aufmacher der etablierten Medien in den letzten Tage avancierte, bestreitet das pseudodemokratische Regime allen Ernstes die Echtheit des Videos. Die Taz und die Welt berichteten beispielsweise von der Stellungnahme der iranischen Wahlbetrüger.

Natürlich passt das Ganze wunderschön ins Bild. Der Westen stachelt die friedliche und glückliche Bevölkerung auf, bringt Chaos in das Land, das seit Jahrzehnten durch faschistische, aggressive und islamistisch-fundamentalistische Politik als der größte Unruhefaktor in seiner Region gilt – aber ja vor den Aufständen ach so stabil gewesen sein will –, und jetzt taucht ein Video von einem Mord auf, der nie statt gefunden haben soll. Man ist geneigt, Herrn Ahmadinedschad aufweckende Lektüre zu empfehlen.

Parallelen zu Deutschland jedenfalls lassen sich wieder ziehen. Auch in Deutschland gab es einen bekannten Mord an einem Demonstranten: Benno Ohnesorgs Tod löste Aufruhr und Großdemonstrationen im ganzen Bundesgebiet aus (Kleine Anekdote am Rande: Manch Alt-68er solidarisiert sich auch heute mit den Aufständischen). Für den Iran kann man also nur eines hoffen: Die Revolution soll erfolgreicher sein als die unsere anno 68.

Ein Nachtrag: